Wertvolle Zeit – Peter Turrini, live

Der gestrige Abend klingt in mir nach – ein gutes Gefühl, angenehme Gedanken! Der Eindruck, ich hätte meine Zeit höchst qualitativ verbracht. Eine Erfahrung, die man auch bei „bestgemeinten“ Kulturveranstaltungen heute selten macht! O.K. – meine Erfahrungswerte!

Peter Turrini war in Eisenstadt!
Ich könnte auch schreiben „Peter Turrini gab eine Lesung“, aber das wäre nur die halbe Wahrheit.
Er war da – präsent. Gehört ganz sicher zu den Menschen, denen man nachsagt, sie kämen nicht einfach nur zur Tür herein, sondern sie „erscheinen“. Freundlich, bescheiden aber souverän, interessiert, offen, gesprächsbereit, familiär (oft auf seinen Bruder verweisend „..ich bin der Bruder des Bildhauers Walter Turrini und schreibe ….“ – kokettierend oder bruderliebend? Vielleicht beides!). Ein literarischer Superstar – zum Angreifen!
Eine Lesung in der Landesgalerie, bei der Finissage der Ausstellung „unordentlich“ – 3 Künstler, die sich seit ihrer Teilnahme am Bildhauersymposion in Maria Saal (Kärnten) kennen und schätzen: Heidi Tschank, Rudolf Pinter und Walter Turrini (der Bruder des Dramatikers).

turrini1.jpg   Lesung in der Landesgalerie, Peter Turrini

Peter Turrini liest zuerst aus seinem Gedichtband „Ein paar Schritte zurück“, u.a. dieses:

Im Sommer
steckten sich die Freunde
meines älteren Bruders
Tannenzapfen in die Badehose
und stolzierten damit
vor den verschämt wegschauenden Mädchen
auf und ab.
Dieser Betrug flog auf
als ich mir
zwei Tannenzapfen
in die Badehose
steckte

(aus „Ein paar Schritte zurück“, Peter Turrini, Suhrkamp 2002)

Thematisch seinem Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ ebenbürtig: über seine Kindheit und Jugend in Maria Saal, über seine schmerzhaften Annäherungsversuche an das weibliche Gegenüber, seine Pubertät. Kurze, prägnanten Lyriktexte in der Ich-Form. Das Publikum leidet und schmunzelt mit dem dicken, schüchternen Bauernbub mit, bei seinen Kämpfen mit Gleichaltrigen, seinen ersten Erfahrungen mit Mädchen, seinem Erwachsenwerden. Direkt, schonungslos, die Inhalte teils provokant, dann wieder einfach nur komisch und anrührend. Wie er selbst in einem Interview sagte “ er habe sich selbst als dicken, Gedichte schreibenden 15jährigen wiederauferstehen lassen“.

Dieses Stück (Bei Einbruch der Dunkelheit) handelt vom „Tonhof“ in Maria Saal, eine der berühmtesten Künstlerkolonien in Nachkriegsösterreich, wo der Komponist Gerhard Lampersberg von 1957-1961 Künstler und Literaten um sich versammelte, wie z.B. H.C.Artmann, Thomas Bernhard, … – Thomas Bernhard zeichnete ja ein vernichtendes Porträt des Mäzens Lampersberger (den Peter Turrini bis heute sehr schätzt, „..meine ästhetischen Erzieher“ und „Berndhards Roman Holzfällen ist ein großartiges Buch, aber eine menschliche Schweinerei – er hat jahrelang von der Unterstützung der Lampersbergers gelebt. Aber es steht ja nirgends geschrieben, dass Talent und Charakter die Waage halten müssen…“.. – Anm.: wie wahr, diese böse Erfahrung musste ich selbst im Vorjahr machen!) in seinem Buch „Holzfällen“, dem Auslöser eines Prozesses, welcher in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Ein beleidigter Thomas Bernhard, der den Komponisten damals anflehte, etwas von ihm zu vertonen – und auf Ablehnung stieß! ….mehr über diese „Affäre“

Aber zurück zu Peter Turrini!

Es folgten Ausschnitte aus Theaterstücken „Tod und Teufel“, zuletzt aus „Da Ponte in Santa Fe“. Dass der Autor nach einer Einführung in die Geschichte seiner Stücke die verschiedenen Rollen mit den passenden „Stimmlagen“ versehen las, hatte für mich einen besonderen Reiz und half mir, in konzentrierten Aufmerksamkeit den Text zu imaginieren.

Mit wunderschönen Gedichten aus seinem Gedichtband „Im Namen der Liebe“ gab es noch eine Zugabe für das begeisterte Publikum. Ich konnte mir vorstellen, noch Stunden seinem Vortrag zu lauschen – die Zeit ist mir einfach zu schnell vergangen.

Das Nein…

Das Nein
das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verläßt
als freundliches Ja
meinen Mund.

(aus Peter Turrini „Im Namen der Liebe“, Suhrkamp)

Auch nach der Lesung, eine kleine „Runde“ im Restaurant, war Peter Turrini sehr gesprächsbereit. Wir unterhielten uns, u.a. sprach er über die Großskulptur von Rudi Pinter, welche während der Lesung rechts von ihm stand („..großartig, eine fantastische Arbeit!..“) und über den Choreographen Bert Gstettner, „.. zuerst hab ich gedacht, wie soll das gehen, Stahlarbeiter-Ballett ? – er hat das aber unwahrscheinlich gut gelöst, ich bin begeistert von seiner Arbeit..“.

Ich freu mich schon jetzt auf meinen Theaterbesuch im Grazer Schauspielhaus, wo ich mir das Stück „Die Minderleister“ von Peter Turrini, Choreografie Bert Gstettner anschauen werde –

und wieder ein qualitatives Zeiterlebnis zu erwarten ist!

Und überhaupt, wir haben was gemeinsam, der Turrini und ich: wir sind beide in St.Margarethen geboren! Er zwar in Kärnten und ich im Burgenland – aber das soll mich nicht kümmern! Wer wird denn schon so kleinlich sein?!

Gustostück zum Nachlesen: Peter Turrini, Essay „Künstler an der Macht“
Peter Turrini, Wikipedia

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