Der Markt macht die Kunst?

Einen äußerst interessanten Beitrag über den Kunst“betrieb“ konnte ich gestern in der „kulturzeit“-Sendung im 3sat sehen. Nebenbei bemerkt: diese Sendung ist eine meiner TV-Lieblingssendungen (ausserdem bin ich ein Gert Scobel-Fan der ersten Stunde!).

Die Autorin Piroschka Dossi analysierte anlässlich ihrer Buchveröffentlichung „Hype. Kunst und Geld“ den globalen Kunstmarkt. Dazu einige Zahlen:

weltweiter Kunst-Umsatz : 20 bis 25 Milliarden Euro
Auktionsumsatz 2006: sechs Milliarden Dollar
Umsatzsteigerung Auktionen von 2006 auf 2007: 55 Prozent
Preissteigerung seit 2006: 25 Prozent

Der Mythos: ein Kunstwerk sei ein Geschenk des Künstlers an die Menschheit. Dennoch werden Unsummen für Kunstwerke bezahlt, manche Kunstwerke erzielen zu irgendeinem Zeitpunkt plötzlich enorme Werte. Während für manche Werke Millionen Dollar bezahlt werden, bleiben andere Kunstwerke völlig unbeachtet.
Die Frage, wie das Kunstwerk denn nun zu seinem Preis kommt, beantwortet die Autorin: Wie teuer ein Pollock, ein Gursky, ein Rauch unter den Hammer kommen oder in den Galerien verkauft werden – habe nichts, aber auch gar nichts mit der Qualität des jeweiligen Werks zu tun, sondern schlicht mit der Summe des Geldes, die gerade in diesen Markt fließt. Denn „…Wie sollte auch ein Börsenmanager, der mit Bezug auf Kunstwerke den Begriff „wall power“ im Munde führt, die Qualität eines Kippenberger beurteilen können?…“

„….Mäzenatentum beinhaltet immer den Versuch, erworbenen Reichtum zu legitimieren…“

Dass sogar die scheinbar totsicheren Klassiker bei Auktionen aberwitzigen Schwankungen unterworfen sind, dazu führt die Autorin als Beispiel das „Porträt des Dr. Gachet“ von Vincent van Gogh an, für das ein japanischer Geschäftsmann 1990 nicht weniger als 82 Millionen Dollar zu zahlen bereit war – das aber, wie sie süffisant vermerkt, „nur wenige Jahre später für ein Achtel des Preises wieder den Besitzer wechselte“.

„Er liebt die Kunst wie ein Wolf die Lämmer.“ Der britische Maler Sean Scully über den Londoner Werbemogul und Kunstsammler Charles Saatchi.

Saatchis größter Coup ist das Internetportal „your gallery“ nach dem Vorbild von „youtube“, ein neues Forum für Massenhandel und Talentscouting. Deutlich anrüchiger sind z.B. die dubiose Internetplattform „Xalt TV“ , wo Interessenten mit einem Kapital von 100 000 Euro aufwärts Profite von bis zu 40 Prozent innerhalb eines Jahres versprochen werden. Oder „Art Estate“, das derzeit Anlegern Fondsbeteiligungen an überteuert angekauften Kunstwerken zweitklassiger Qualität anbietet.

Was die Antriebskräfte des Hypes auf dem Kunstmarkt betrifft, da kommt die Psychologie ins Spiel. Wer Kunst kauft, kauft mehr als nur das Werk. Der Käufer möchte nicht nur an dem Nimbus des „Erhabenen“ teilnehmen bzw. diesen durch den Kauf für sich beanspruchen – die einflussreichen und finanzstarken Käufer und/oder Sammler beeinflussen nachhaltig den Kunstmarkt durch ihre Kaufentscheidung, sie sind die „Tastemaker“ und ihr Einfluss reicht leider schon bis in die öffentlichen Museen und Galerien. Finanzstarke Sammler erhalten durch die Präsenz ihrer Sammlungen in den Museen eine Art Noblesse im nichtkommerziellen Raum.

„Das Kunstwerk ist die Verkörperung der Schöpferkraft des Einzelnen und damit ein Symbol des zentralen Ideals unserer Kultur: der Freiheit des Individuums.“

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Das Buch (mit Bestell-Link):

Piroschka Dossi
„Hype. Kunst und Geld“


Dtv 2007
ISBN-13: 978-3423246125
14,50 €

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Ein Gedanke zu “Der Markt macht die Kunst?

  1. Ein Beitrag von 2007 und (immernoch) top aktuell! Gerade Fälscher wie Beltracci und Konsorten erschüttern den Kunstmarkt kurzzeitig aber danach kommen die nächsten aberwitzigen Summen und das Spiel beginnt von vorne. „Der Markt macht die Kunst“ ist ein echt toller Titel! 🙂

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