Rund um den Bachmannpreis

Die große „Literatur-Schlacht“ ist geschlagen und ich hatte den Eindruck, dass der Kampf in diesem Jahr sehr friedlich und – überraschend – sehr erfrischend war. Eigentlich habe ich mich auf einige gähnende Momente eingestellt, die Jahre davor bin ich zugegebenermaßen sogar manchmal eingeschlafen. Diesmal war von schlafen keine Rede. Zu meiner Überraschung war das Programm dieses Jahres mehr als kurzweilig. Auch die Jury schien heuer ausgeschlafener zu agieren!?

Der Gewinner des Bachmannpreises 2007 wurde Lutz Seiler, dem ich noch Stunden beim Lesen zuhören könnte. Sein Text hat auch mich in seinen Bann gezogen – ein verdienter Gewinner!

Als „mediales Highlight“ würde ich die gekonnte „Nichtinszenierung“ von PeterLicht bezeichnen (ja, tatsächlich, er schreibt sein Pseudonym zusammen – vielleicht eine Reminiszenz an die norddeutsche Bezeichnung des polizeilichen Einsatzlichtes, das „Peterlicht“, wer weiß?).
Nebenbei – mit seinem erfrischenden, humorvollen und ernsten, jedoch anspruchsvollen Text war er auch mein persönlicher Favorite!
Natürlich könnte man vermuten, dass dessen Verweigerung, öffentlich sein Gesicht zu zeigen, eine geniale Marketingstrategie – wie sie ein globaler Marketingstratege nicht besser erfinden könnte – zugrunde läge. Dieser extrem neugierig machende Effekt in einer Zeit der individuellen Selbstvermarktung jedes Provinzpolitikers, Wurstwarenerzeugers, Möchtegern-Stars und sonstigen unwichtigen Adabeis, die uns tagtäglich mehr als nerven(!!!!) – wer sind diejenigen, die uns unterstellen, darauf neugierig zu sein? – übt natürlich besonderen Reiz auf das mit unwichtigen Informationen permanent zugemüllte Publikum aus.
Im Fall von PeterLicht war diese Nicht-Inszenierung und mediale Verweigerung jedoch eine sehr glaubwürdige Sache. Es ist ihm zu wünsche, dass er sich niemals dem Druck seiner Vermarkter ergibt und seiner Linie glaubwürdig treu bleibt – egal, ob als Musiker oder als Literat!

Ijoma A. Mangold, Jurymitglied: „Dieser Autor hat eine große Zartheit und das bei einem Thema, das in der Literatur gerne aufgegriffen wird, meist aber im Status der Behauptung verharrt, nämlich die Apokalypse“. Es funktioniere aber auf Grund der „spielerischen Ambivalenz“ der Sprache. Dieser ganze Text ist nichts anderes als das Rutschen in eine Schieflage – Komik und Schmerz, Irrsinn und Hysterie – ich bin sehr froh, dass der Autor von der Musik auch in die Welt der Literatur gewechselt ist“.

Iris Radisch, Juryvorsitzende: „Es wird jetzt niemanden verwundern, dass ich das für einen großen Text halte. Ich brauche ihn gottseidank nicht gegen den Vorwurf des großen Alberismus in Schutz nehmen – ich spüre selbst, dass einem das Lachen hier im Halse stecken bleibt und man trotzdem lacht, weil eben alles gleichzeitig ist“, war Radisch über das offensichtliche Gefallen ihres Autors erleichtert. Das „Verharmlosungskomfortgequatsche“ und die „Wellnessrede“ über die Welt sei gleichzeitig ganz Ernst zu nehmen: „Der Text produziert Idyllen, veralbert sie aber nicht nur, das ist wie ein Kippbild, wo man das eine und das andere gleichzeitig sieht“. So eine Könnerschaft des „doppelten Blicks“ sei ihr sonst nicht bekannt.

Viel Lob von der Jury – ich kann dem nur zustimmen! Ich habe jedenfalls meinen Beitrag geleistet und im Rahmen des Publikumspreises für PeterLicht meine Stimme abgegeben! Er schaffte es doch tatsächlich, mich mit seinen Texten wieder für die zeitgenössische Literatur zu begeistern – ganz besonder aber für seine! Nun wird es höchste Zeit für mich, in seine Musik reinzuhören. Wenn die nur halb so….?!

Die Bachmann-Preis-Träger 2007:
Ingeborg-Bachmann-Preis (25.000 Euro): Lutz Seiler
Preis der Jury (10.000 Euro): Thomas Stangl
3sat-Preis (7.500 Euro): PeterLicht
Ernst-Willner-Preis (7.000 Euro): Jan Böttcher
Kelag-Publikumspreis (5.000 Euro): PeterLicht

PeterLicht wurde somit mit 2 Preisen bedacht: 3sat-Preis und Publikumspreis! – das mit dem Publikumspreis war für mich ganz klar!!!

Hier ein Musikvideo von PeterLicht (natürlich, ebenfalls OHNE PeterLicht!!!): „Sonnendeck“

links:
Bachmannpreis
Peter Licht
Lutz Seiler

Buch von PeterLicht: „Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus“

Bücher von Lutz Seiler 

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