Live Earth – ein paar Gedanken dazu – subjektiv

So, nun ist sie „passiert“, die größte globale „Sensibilisierungskampagne“ für den Klimaschutz! Ich habe gestern überlegt, warum ich trotzdem so ein mulmiges Gefühl dabei habe. Sollte ich – als Europäerin, die ja schon seit Jahrzehnten mit Mülltrennung, Rezyklingprodukten, Energiesparlampen, Wärmepumpen, Solaranlagen, und vielen anderen mehr, umgeben von Windparks lebt – mich nicht darüber freuen, dass endlich auch die „Klimaschutz-Verweigerer“ dazu aufgefordert werden, sich zu engagieren, etwas zu tun? Oder überhaupt erst das erste Mal gesagt bekommen, dass es grob fahrlässig ist, sich den Ast auf dem man sitzt (oder seine Kinder sitzen werden), selbst abzusägen. Und: dass Visionen etwas sind, das laannge über eine Wahlperiode und die individuelle Endlichkeit hinausgeht!?!
Nicht dass bei uns alles rosig wäre! Es gibt noch genug zu tun – auch in meinem persönlichen Umfeld – es ist wie eine unendliche Geschichte. Der Fortschritt beschenkt uns ja auch mit neuen Arten von Müll, man produziert ja für den Verbrauch, den Konsum, die Wirtschaft (die ihrerseits wieder ….. in Europa muss man das gottseidank niemandem mehr erklären, da lernt man diese Dinge schon in der Vorschule: „Mama, du hast die Tüte in die falsche Tonne gegeben….die Tante Anne im Kindergarten hat gesagt …..Mama, wieso brennen zwei Lichter, wo wir doch alle nur an einem Tisch sitzen?..“)

Trotzdem wurde mir am Samstag angesichts des Line-ups in den einzelnen Übertragungsorten von Live Earth mulmig in der Magengrube. Kann sich jemand, der normalerweise Konzerte nur als Besucher kennt, vorstellen welch ein irrsinniger Tross von Equipment und Teams zu diesem Anlass in der Welt herumdüste?
Was mich total überraschte war, dass in den einzelnen Übertragungsorten nicht die lokalen Superstars auftraten – die Künstler vor der Haustüre sozusagen -, sondern ein wahnwitziger Austausch stattfand: die von mir so heißgeliebten Linkin Park spielten in Japan (!?! Jungs, das verzeih ich euch nie! Wie passt das in euer Umwelt-Engegement?), Lenny Kravitz in Südamerika, Red Hot Chili Peppers in London, …. die Liste ist beliebig und unendlich lang fortzusetzen mit den über den Globus hetzenden Pop- und Rockstars.
Haben da die Organisatoren selbst ihre eigene Aussage nicht verstanden? Der Energieaufwand? Oder hatten sie Angst davor, dass die heimischen Stars es nicht schaffen würden genug Publikum zu mobilisieren? Verlässt man sich nicht auf den Magnetismus der Kunst?
Vielleicht wurde der Klimaschutzgedanke einfach nur konzeptionell nicht wirklich durchgedacht bzw. zu Ende gedacht und endete schon beim Bühnengeschehen, bei der Optik?!

Die Berichterstattung am Tag danach ließ mich einerseits schmunzeln:

der Nachrichtensprecher, während man die Bilder von begeisterten, staunenden Amerikanern in front of the mistkübels zeigte: „..vorbildlich wurde das erstmalig(!) präsentierte Mülltrennungssystem angenommen..“

andererseits gab es schockierende TV-Bilder von unglaublichen Müllbergen, die vom „sensibilisierten“ Publikum nach dem Konzert hinterlassen wurden.

Der Initiator selbst, Al Gore, hat sich meiner subjektiven Meinung nach, zu sehr persönlich in Szene gesetzt, als globaler holographischer Heilsverkünder. Solche Missionare erwecken immer mein Misstrauen. Was soll ich machen, ich kann nichts dagegen tun! Ich frage mich, warum er in seiner Funktion als wichtiger amerikanischer Politiker nicht schon längst in seinem eigenen Land nachhaltig aktiv geworden ist. Warum muss zuerst der ganze Globus herhalten, wenn in Amerika dringend etwas geändert werden muss? Die Welt hatte sich doch schon auf Kioto geeinigt – ein Land hat sich dagegen gestellt – nämlich genau dieses Land, das jetzt eine seltsam anmutende Umweltbeschützer-Imageaufwertung bekam, wie auch ihr Propagandist Al Gore – durch ebendiese „Live-Earth“-Geschichte. Ich wollte mich schon bei USA erklärt schlau machen, der mir viele unerklärliche Amerikanische Verhaltenweisen entschlüsselt hat, bin jedoch noch nicht fündig geworden.

Eines aber hat das Megaspektakel wieder eindeutig bewiesen: ohne Hilfe der Kunst ist die Politik zu schwach, die Menschen zu erreichen. Die Kunst scheint auch für Politiker ein attraktives Betätigungsfeld zu sein, an dem sie von ihren Berufskollegen aus verständlichen Gründen nicht angefeindet werden. Die „immune“ Zone? Dass die Kunst den Mächtigen zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung dient, als „Insignien der Macht“, ist seit Jahrhunderten bekannt.
Die Kunst selbst – egal ob in Bildern, Texten oder Musik – ist stärker, als sie sich selber bewusst ist. Schade, denn angesichts des „Live Earth“-Spektakels fragt man sich – wozu bzw. war ein mehr oder weniger glaubwürdiger Politiker dazu überhaupt notwendig? „Live Aid“ hat doch schon lange gezeigt, dass man zum weltumspannenden sozialen Einsatz die Politik nicht braucht. Wenn die Kunst an einem Strang ziehen könnte …..

Leider werden Künstler heutzutage meist für Benefizzwecke missbraucht. Man hat keine Hemmungen, von einem Maler ein Bild zu „schnorren“, einen Bildhauer um eine Skulptur zu „bitten“, etc. Man zieht aber nicht ein bisschen in Erwägung, dass man – allein schon aus demokratischen Gründen – auch Beamte, Angestellte, Direktoren um ein „Monatsgehalt für den guten Zweck“ bitten müsste. Oder gilt z.B. eine in monatelanger Arbeit entstandene Skulptur nicht als Ergebnis eines geistigen und körperlichen Arbeitsprozesses?

Ich schweife ab – darum noch ein „aufrüttelndes“ Statement eines Rock-Musikers beim Live Earth in London (Flea, Red Hot Chili Peppers):

„Ich muss euch was sagen, möglicherweise das Wichtigste, das ihr je hören werdet. Aber ich kann mich gerade nicht daran erinnern. Vielleicht das nächste Mal!“

Reaktionen / links:

[„…Mit typisch englischem Humor hielten in London die Songwriter Damien Rice und David Gray allzu großer Ernsthaftigkeit entgegen und intonierten mit leicht aktualisierten Zeilen den alten Doris-Day-Hit über die Zukunft, «Que Sera»: «Whatever will be, will be» – in zwei Jahren werden wir wissen, ob es nur eine großartige Party oder ein Wendepunkt der Weltklimapolitik war…“]
Zit: Tropenwaldnetzwerk Brasilien

Wettermann Frank Abel über Wetter, Klima und Stürme des Alltags – hier im speziellen über „Live Earth“, more

„Live Earth verkündet die falsche Botschaft“ – Artikel in „die Welt“ über die „wirklich wichtigen Probleme, die Menschen betreffend, zum Artikel

Spiegel-Reporter Marc Pitzke berichtet über seine Live Earth-Erlebnisse vor Ort, in New York, hier 

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