Kommerz-Virus schwächt gesellschaftliches Immunsystem

Schon wieder ist es passiert! In den letzten Tagen fast täglich. Was geht da gegenwärtig vor sich? Was für ein Krankheitsbild erschließt sich hier?
Immer öfter, ein ähnliches Erlebnis: mich überkommt eine Gänsehaut! (eng: it gave me the creeps!)

g-o-o-s-e 1, heute:

In der Einladung steht „Einladung zum Mediengespräch ‚cash for culture‘ mit Stadtrat N.N.“ Aus dem Inhalt geht hervor, dass man Jugendlichen im Alter von 13 – 20 Jahren „… schnell und unkompliziert Unterstützung für ihre künstlerischen Projekte und kreativen Ideen…“ zukommen lassen will, indem man eben dieses „cash for culture“ – Förderprogramm anbiete.
Nun muss ich feststellen, dass mir vor (fast) nichts so sehr graut wie vor der Vorstellung, welche gesellschaftlichen Werte im Zusammenhang mit der Total-Kommerzialisierung jedes Lebensbereiches mit diesem Schlagwort transportiert werden. An die kommende Generation!
Natürlich ist es existenziell und in Ermangelung der – aus finanziellen Gründen gestrichenen!!! – schulischen kulturellen Aus- und Weiterbildung notwendig, dass es ein Kulturförderprogramm für Jugendliche gibt! Die (soziale) Qualität einer Gesellschaft wird durch ihren Umgang mit Kunst & Künstlern, der Selbstverständlichkeit des künstlerischen Diskurses und ihrem kulturellem Verständnis ausgedrückt.
In der Schule selbst sind alle diskursiven, charakter- und persönlichkeitsbildenden Ausprägungen von Kunst „wegrationalisiert“ worden. Auch das wenige noch Vorhandene.

„cash for culture“. bbrrrr!
Vor den Schlussfolgerungen, die dieser Gedankengang in der jungen Generation hervorruft, darf man sich schon heute fürchten!

g-o-o-s-e 2, Samstag 12. 01.2008

Ein Artikel im „Der Standard“-Album war dieses Wochenende der Ursprung eines unruhigen Denkprozesses. Titel: „Kultur? Zurück in die Zukunft!“ (by Thomas Mießgang, dessen Name für mich nach dem Lesen orakelhafte Form bekam)
Eine umfassende Analyse der österreichischen Kulturpolitik , von den „künstlerisch wertvolleren“ Jahren der Peymann-Ära bis zur Verankerung des Artikel 17a in der österreichischen Bundesverfassung: „Das künstlerische Schaffen, die Vermittlung von Kunst sowie die Lehre ist frei“.
Ja, so steht’s, schwarz auf weiß.
Heute ist die offizielle Kulturpolitik durch den Gebrauch eines Wortschatzes geprägt, der eindeutig in die Wirtschaft gehört – nicht in die Kulturressorts: Strategie, Evaluierung, Rahmenzielvereinbarung, bedarfsorientierte Mindestsicherung,….
Der Autor schildert in seinem Artikel auch die Erfahrung eines Subventionswerbers im Ministerium bei der Präsentation eines Innovationsprojektes, der mit dem Satz „Ja, aber wo ist das Zahlenwerk?“ wieder hinauskomplimentiert wurde. Er nennt das „kommunikative Dystopie„.

zum Selberlesen: Der Standard-Artikel „Kultur? Zurück in die Zukunft!“

Es scheint, als wäre die Spezies Visonäre ausgestorben. Und falls wider Erwarten dann doch einer erscheint, schickt man ihn in eine beliebige Kulturabteilung zur Projektvorstellung. Dann ist der „künstlerische“ Spuk schnell vorbei und die Spezies im Museumsarchiv. Dieses gilt dann als künstlerischer Tempel und „casht“ Eintrittsgelder für die oberflächliche Betrachtung durch busweise herangekarrte, zwangsbeglückte Schüler, die für die Museumsstatistik wichtig sind. – Nur die nackten Zahlen zählen!?!

Es ist wahr. Die Kultur-Events schießen wie Schwammerl aus dem Boden. Das Angebot ist schier unendlich. Remembering Rom: „Brot und Spiele“, dann ist das Volk zufrieden.
Zufrieden? Wer’s glaubt!

Wer wird – wenn überhaupt – irgendwann die Verantwortung für diese kulturelle Mangelernährung übernehmen, diese ständigen Festival-Placebos?
Für die vergeudeten Jahre, für die verpassten Chancen, für eine „kulturarme“ Gesellschaft im schalen Eventtaumel? Wird sich die junge Generation dessen bewusst werden, was Ihnen vorsätzlich vorenthalten wird? Wird das irgendeinen temporär (meist für 4 Jahre) gewählten Politiker irgendwie interessieren? Oder wird ihm sein Marktwert, sein Medienbarometer und die Effizienz seiner Politikerbezüge mehr tangieren?

S. O. S. – Wo bleibt das Rote Kreuz der Kultur?

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