David Cerný’s „Entropa“

Entropa
David Cerný: "Entropa", 2009

Wie schön! auch Politiker reden wieder über Kunst! Wo sie doch sonst nur vor Kunstwerken (die sie meist nicht einmal kennen) Interviews geben, sich selbst in Szene setzen (nicht den Künstler!), Hände schütteln oder einem Künstler, dessen Namen sie gleich wieder vergessen haben, auf die Schulter klopfen.

Und wie ich der TV-Berichterstattung von der Präsentation des Kunstwerks entnehmen konnte, haben viele dort agierende EU-Beamte mit Freude und Spaß auf die Darstellung ihrer Länder reagiert. Besonders der spanische Beamte, der zugab, dass der Künstler mit seinem Beton-Spanien und einem Betonmischer drauf vollkommen recht habe, denn „…Spanien sei dabei, alles zu betonieren, was nur möglich sei …“! und dass ihm das Kunstwerk gut gefalle.
(Nun ja, nicht alle fanden das Werk lustig. Bulgarien hatte gegen die Darstellung seines Landes als „Steh-Klo“ protestiert. Der Slowakei missfiel die Präsentation als Salami, die in eine ungarische Fahne eingewickelt ist. Der Beitrag zu Deutschland ist eine Landkarte, durchzogen von Autobahnen, die einem Hakenkreuz ähneln. Österreich ist als grüne Wiese mit vier AKW-Kühltürmen dargestellt. )

Statue of Sigmund Freud hanging by his arm, above a storefront in Prague
David Cerny: Statue of Sigmund Freud hanging by his arm, above a storefront in Prague

David Cerny, Aktionskünstler und Provokateur hat das geschafft!
Er hat es ja -fast- angekündigt: „Ich bin Autor des Konzepts. Das ganze ist ein großer Spaß. Das hier ist ein schreckliches Haus. (Anm: das EU-Ratsgebäude) Alles ist eng und kühl, alle machen sich wichtig. Alles ist bürokratisch, deshalb wollte ich es bunter machen…“.

David Cerný
David Cerný

Doch er ist nicht nur Autor des Konzepts. Er hat die Anteile der anderen Länder einfach selbst gemacht, entgegen der Vereinbarungen mit der tschechischen Regierung. An dem Gesamtkunstwerk sollten Künstler aus allen EU-Ländern mitwirken. Anlässlich der tschechischen Ratsherrschaft im EU-Rat sollte das Werk dann im Ratsgebäude in Brüssel präsentiert werden.

Das vielbesprochene Kunstwerk ist eine Großinstallation namens „Entropa“, angeblich eine kollektive Arbeit von 27 Künstlern – doch einige der genannten Künstler gibt es gar nicht: nicht nur dem Laien unbekannt, sondern auch den Kunstexperten. Sabrina Unterberger wurde als die für den österreichischen Anteil verantwortliche Künstlerin genannt. Natürlich gibt es sie nicht wirklich. Auch sie ist eine „Erfindung“ von David Cerný!

Im Gebäude des Europäischen Rats in Brüssel, Prag’s enthüllt der Tschechische Vizepremier Vondra noch stolz im Nichtwissen um die Hintergründe die Installation von Künstlern aus allen EU-Ländern. (Anm: Vielleicht ein kleiner Hinweis an ständig-irgendwas-eröffnende Politiker: sprecht doch persönlich mit dem Künstler, seht euch das Kunstwerk an, über das ihr bei der Eröffnung sprechen oder fachsimpeln (!!!) wollt! Hintergrundwissen verhindert solche Peinlichkeiten! und wer weiss: vielleicht findet der ein oder andere von euch doch tatsächlich noch einen – das Leben bereichernden –  persönlichen Zugang zu einem Künstler?!)

Der Künstler David Cerný hat sich (Anm: LEIDER!) in einem Brief entschuldigt – und auch auf sein Honorar verzichtet. Es sei nicht gewollt, dass Politiker für diese Art der Satire die Verantwortung übernehmen.
Diesen Schritt habe ich nicht verstanden! Wozu entschuldigen? Erklären schon, aber entschuldigen? Seine ganze künstlerische Entwicklung bis dahin liess für jeden noch so laienhaft agierenden Politiker den Schluss zu, dass er mit einem Werk für Brüssel nicht anders denken und handeln wird, als mit allen seinen zuvor geschaffenen Kunstwerken.  Selbstverständlich soll der Künstler die Verantwortung übernehmen, für alles was aus seiner Werkstatt kommt!

Und dann die nächste Peinlichkeit: Der für Europa-Fragen zuständige Vizepremier Vondra hatte sich in Brüssel bei jenen Ländern entschuldigt, die sich durch das Kunstwerk angegriffen fühlten, insbesondere bei Bulgarien. Vondra hatte erklärt, es handle sich nur um ein Kunstwerk – „nichts mehr und nichts weniger“. Und „Kunst heißt Freiheit“. (In diesen Ländern muss es doch auch Künstler geben, durch deren Wirken die Bewohner für Kunst sensibilisiert wurden,  oder etwa NICHT??? In der multikulturellen EU? Wozu also die Entschuldigung?)

Kritische Stimmen in Tschechien meinen, „…man habe sich nicht genügend abgesichert, angeführte Künstler hätten Einzelverträge unterschreiben sollen…“
Unterstützende Stimmen meinen, „…man brauche eine große Portion Humor. Wenn die Tschechen eine Spur in Europa hinterlassen wollten, hier wäre es ihnen gut gelungen. Man sähe schon jetzt, welche Aufmerksamkeit das Werk errege.“

Und das meine ich auch: ich habe sehr gelacht, als ich die ersten Großaufnahmen von Entropa sah und mir sofort gedacht: der Cerný ist ein Künstler, von dem ich noch viel mehr sehen möchte! Humor und Intelligenz und Engagement – eine gelungene Mischung!

Quo Vadis
David Cerný: Quo Vadis

Eine Skulptur anlässlich der vielen, mit ihren Trabis in den Westen flüchtenden Ostdeutschen.

Bus Stop
David Cerný: Bus Stop

Immer wieder provozierte er die tschechische Regierung mit seinen Kunstwerken. Fantastisch, dass er das nun auch in Brüssel gemacht hat!

Statue of St. Wenceslas riding an inverted horse
David Cerný: Statue of St. Wenceslas riding an inverted horse
The crawling babies sculptures by David Černý on Žižkov Television Tower, Prague, Czech Republic
The crawling babies sculptures by David Černý on Žižkov Television Tower, Prague, Czech Republic

David Cerny: Brownnosers (Futura Gallery, Prague):

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