Bilder die die Welt bewegten – im Kunsthaus Wien

Derzeit präsentiert die neue Ausstellung „Kontroversen“ im KUNST HAUS WIEN eine spektakuläre Problemgeschichte der Fotografie. Sämtliche der rund 100 Fotos waren Gegenstand von Kontroversen – teils gesellschaftlich-medialer, teils rechtlicher Art.
Zu erleben ist eine zum Teil berührende, manchmal aufregende Reise durch die Welt und den Wandel von öffentlich gewordenen Fotografien. Unter den gezeigten Bildern finden sich zahlreiche weltberühmte Aufnahmen, darunter Arbeiten von Fotografen wie Man Ray, Robert Capa, Lewis Carroll, Henri Cartier-Bresson, Oliviero Toscani, Robert Mapplethorpe oder Todd Maisel.

Michael Light
OAK, 8.9 Megatons, Enewetak Atoll 1958, 2003
© 2003 Michael Light

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion führten tausende Atombombentests durch. Die Risiken, die dadurch für ihre Soldaten und die im Umkreis der Testgebiete lebenden Menschen entstanden, scheint die US-amerikanische Regierung unterschätzt zu haben. Der Sicherheitsabstand zum Detonationsort wurde von elf auf drei Kilometer verringert. Fotografien der Tests dienen später als Beweisstücke in den Gerichtsverfahren, die von Überlebenden der Experimente und Bewohnern der vom radioaktiven Niederschlag betroffenen Regionen angestrengt werden. Nach ihrer Freigabe werden die ehemals unter Verschluss gehaltenen Dokumente auch für künstlerische Zwecke verwendet. Michael Light etwa präsentiert in seiner Ausstellung „100 Suns“ (100 Sonnen) und dem gleichnamigen Bildband bearbeitete Aufnahmen der Atom-versuche im Großformat. Er signiert und verkauft somit aus Archiven stammende Dokumente, die er aus der Anonymität holt und denen er einen neuen Stellenwert verleiht, indem er sie in Museen und Galerien zeigt.
Die Verwertung von Archivmaterial erweist sich als probates Mittel für die Umwandlung von Gebrauchsgegenständen in Kunstwerke, eine seit der Erfindung der Ready-mades durch Marcel Duchamp bekannte Übung. Light eignet sich Dokumente aus staatlichen Archiven an und verfremdet sie zu Objekten politischer und künstlerischer Kritik.

Gerichtliche, ethische und politische Kontroversen begleiten die gesamte Geschichte der Fotografie seit ihrer Erfindung im Jahre 1839. Die Regeln, die heute für journalistische und künstlerische Bilder gelten – oder eben nicht gelten – sind Ergebnisse dieser Konflikte und Diskussionen. Dennoch werden sie immer wieder von neuem hinterfragt. Die Ausstellung KONTROVERSEN. JUSTIZ, ETHIK UND FOTOGRAFIE dokumentiert diese spannungsgeladene
Historie durch zahlreiche Fallbeispiele. Dabei entsteht ein packender Parcours aus rund hundert Fotografien, die alle eine individuelle Geschichte erzählen. Dem Ausstellungsbesucher wird die Möglichkeit geboten, sich selbst ein Bild zu machen – denn der Mittelweg zwischen vorauseilender Zensur und kompromissloser Verteidigung der Meinungsfreiheit ist zwangsläufig das Ergebnis einer schwierigen subjektiven Entscheidung.
Arbeiten, die Grenzen überschritten oder neu definiert haben und damit nicht nur über das Medium Fotografie, sondern vor allem über Zeit, Gesellschaft und Justizentscheidungen Aufschluss geben, kurz: Sie fokussiert auf große, aber oft auch problematische Momente der Fotografie. Fotos werden seit Lewis Hines „Baumwollpflückerin in Texas“ (1912) erfolgreich als Mittel zum Schutz der Bedürftigsten eingesetzt, Fotos können aber auch selbst zum Teil einer zynischen Informationsgesellschaft werden, wenn Fotografen z.B. wegen einer Aufnahme in den Verdacht unterlassener Hilfeleistung geraten.
Mit „Der fallende Soldat“ (1936) lieferte Robert Capa die weltweit erste Aufnahme des Sterbens, Todd Maisels Bild „Die Hand, 11. September“ erschien trotz der Übereinkunft von TV- und Printmedien im Zusammenhang mit 9/11 keine Bilder von Leichen zu zeigen. Bis in die Gegenwart hinein werden so die Grenzen gesellschaftlicher Tabuzonen verfolgt.

Beispiele aus der Ausstellung:


OLIVIERO TOSCANI
Kissing Nun, 1992
© VBK, Wien 2010
Durch seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Bekleidungskonzern Benetton in den Jahren 1982 bis 2000 erlangt der Fotograf Oliviero Toscani weltweite Bekanntheit. In den in diesen Jahren erscheinenden Werbekampagnen zeigt er sich stets provokant und direkt. Seine Plakate, in denen es um Aids, Krieg oder die Todesstrafe geht, entfachen polemische Diskussionen. Während er nach Ansicht der einen beim Zielpublikum einen Nachdenkprozess in Gang setzt, benutzt er in den Augen der anderen menschliches Leid für seine Zwecke.
„Kissing-Nun“ stellt den sinnlichen, profanen Kuss dem heiligen Gelübde der in den Ordensdienst eingetretenen Männer und Frauen gegenüber. Das Sujet, das einen Bruch des Zölibats darstellt, schockiert einen Teil der Öffentlichkeit. In Italien geben die Behörden schließlich dem Druck des Vatikans nach und untersagen die Verbreitung des Bildes. In Frankreich fordert die Selbstregulierungsstelle der Werbebranche auf zahlreiche Beschwerden religiöser Vereine hin die Entfernung der Plakate. In England dagegen wird „Kissing-Nun“ mit dem Eurobest Award ausgezeichnet. Umgekehrt wird das Foto eines noch blutverschmierten Neugeborenen mit Nabelschnur für eine Werbekampagne desselben Konzerns in Frankreich und Italien akzeptiert, in England aber zensuriert.


Frank Fournier
Omayra Sánchez, Armero, Kolumbien, 1985
© Frank Fournier / Courtesy Contact Press Images
Armero, Kolumbien, 1985, wenige Tage nach dem Ausbruch des Vulkans Nevado Del Ruiz. In der durch die Eruption ausgelösten Schlammlawine finden 24.000 Menschen den Tod. Die Fotografie von Frank Fournier zeigt Omayra Sánchez, ein kleines Mädchen, das bis zum Hals im Schutt und Schlamm feststeckt. Zwei Tage und drei Nächte hindurch versuchen die Rettungskräfte, das Mädchen zu befreien, doch die Bergeausrüstung trifft nicht rechtzeitig ein. Schließlich fordert die Erschöpfung ihren Tribut, Omayra stirbt an Herzversagen.  Ihre Würde und ihre Tapferkeit bewegen die ganze Welt. Fournier erkennt rasch, dass er nicht helfen kann. Hunderte von Opfern brauchen sofort ärztliche Hilfe, um zu überleben. Angesichts des Gefühls der Ohnmacht, das ihn befällt, wird ihm klar, dass das einzig Sinnvolle, was er tun kann, darin besteht, Bilder von Omayras Leiden in die Welt zu tragen. Aber auch noch nach der Auszeichnung seines Bildes mit dem World Press Photo Award im Jahr darauf quälen ihn Zweifel: Ist es möglich, Leiden zu zeigen, ohne dabei die Würde der Leidenden zu verletzen? Würden wir uns jedoch noch an die Tragödie von Armero erinnern, wenn uns dieses Foto nicht so erschüttert hätte?


DAVID LACHAPELLE
Angelina Jolie, Horseplay, 2004
©
David LaChapelle Studio / Courtesy Fred Torres Collaborations)
Wiewohl David LaChapelle ein Künstler von Weltrang ist, wird so manchem Verleger bange, wenn er den Namen des Fotografen hört. Aufgrund seiner von Sinnlichkeit und Ambiguität geprägten Ästhetik kommt es bei der breiten Veröffentlichung seiner Arbeiten nicht selten zu Konflikten.
Im Mai 2004 erscheint dieses Foto auf dem Titelblatt des Magazins „Photo“. Das Bild kündigt eine Fotostrecke mit dem Titel „Frauen und Pferde“ an. Die Verantwortlichen für den Vertrieb in der Schweiz unterwerfen sich aus Angst, die Bilder könnten in den Verdacht der Sodomie geraten, der freiwilligen Selbstzensur und verzichten darauf, die betreffende Ausgabe in den Handel zu bringen. Lieber wollen sie ganz sicher gehen, nicht gegen das gesetzliche Verbot der Verbreitung von Bildern, die „sexuelle Handlungen mit […] Tieren“ zum Inhalt haben, zu verstoßen. Jedoch ist es in der Schweiz erlaubt, ein pornografisches oder sodomitisches Bild in Umlauf zu bringen,  wenn dieses von schützenswertem kulturellem oder wissenschaftlichem Interesse ist.
Die Vertriebspartner hätten sich auf diese Ausnahmebestimmung berufen können. Dieselbe Ausgabe von „Photo“ erscheint im Übrigen weltweit – ohne die geringsten Probleme. In unserer Gesellschaft, in der Konflikte zunehmend vor Gericht ausgetragen werden, bleibt der Mittelweg zwischen vorauseilender Zensur und kompromissloser Verteidigung der Meinungsfreiheit zwangsläufig das Ergebnis einer schwierigen subjektiven Entscheidung.

KONTROVERSEN. JUSTIZ, ETHIK UND FOTOGRAFIE
bis 20. Juni 2010

KUNST HAUS WIEN
Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien.
Telefon +43 1 712 04 95, Fax +43 1 712 04 96.

Öffnungszeiten: täglich 10.00 – 19.00 Uhr
Eintrittspreise: € 9,-, ermäßigt € 7,-
Führungen: Sonn- und Feiertag um 15.00 Uhr und gegen telefonische Voranmeldung

Advertisements

Ein Gedanke zu “Bilder die die Welt bewegten – im Kunsthaus Wien

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s